„Kunst ist ein Lebensmittel“

Zitat Felix Breyer

150-jähriges Jubiläum der Bad Reichenhaller Philharmoniker

Es begann einmal in Bad Reichenhall.1868 gründete Josef Gung´l am 6. Februar das Reichenhaller Kurorchester, aus dem sich die Bad Reichen-haller Philharmoniker entwickelt haben.

1868 ist auch das Jahr, in dem Tschaikowsky seine erste Sinfonie schrieb, Bruckner seine erste Sinfonie begann, Wagner die Meistersinger von Nürnberg erdachte und Josef Strauss´ „Geschichten aus dem Wienerwald“ die Tanzböden eroberten. Dieses Jahr scheint unter einem guten künstlerischen Stern gestanden zu sein – ein gutes Omen für die Neugründung eines Orchesters.

Das Orchester begleitete den Aufstieg Bad Reichenhalls zum Weltkurort vor 1914, erlebte die problematische Zeit des Faschismus und den Aufbau in der Nachkriegszeit. Eine besondere Veränderung brachte die Gesundheitsreform von 1996.

Heute werden die 42 Musiker, der Chefdirigent Christian Simonis, die Geschäftsführung mit Felix Breyer und vier Büroangestellte vom Verein „Bad Reichenhaller Philharmonie e.V.“ getragen. Unterstützt werden sie vom Freistaat Bayern, dem Landkreis Berchtesgadener Land, der Stadt Bad Reichenhall und dem Bezirk Oberbayern. Die Bad Reichenhaller Philharmoniker sind das Symphonieorchester für den südostbayerischen Raum und damit für die Menschen vor Ort wie auch für den Tourismus und den Kurbetrieb ein Kulturmagnet. Es ist wahrlich eine Rarität, dass ein Symphonieorchester wie die Bad Reichenhaller Philharmoniker weiter die Tradition der klassischen Kurkonzerte pflegt. Es ist definitiv ein Alleinstellungsmerkmal des Orchesters über ein derartig großes Repertoire von symphonischen Werken bis zur klassischen Unterhaltung (auch Musical und Filmmusik) zu verfügen.

Zum Jubiläumsjahr findet eine Namensänderung statt – von der „Bad Reichenhaller Philharmonie“ zu den „Bad Reichenhaller Philharmonikern“.

Was ist denn da der Unterschied, wird sich so mancher fragen.

Die Antwort und vieles mehr erfahre ich im Interview mit Herrn Simonis, dem Chefdirigenten, künstlerischen Leiter, Musikdramaturgen und Generalmusikdirektor. Seit 2015 ist Bad Reichenhall sein Wirkungsort.

Professor Hans Swarowsky, Lehrer von großen Dirigenten wie Claudio Abbado und Zubin Mehta, bezeichnete Christian Simonis als „wienerische Urbegabung“. Sein Vater arbeitete in einem künstlerisch-kreativem Beruf, der Fotografie. Herr Simonis erzählt, dass er in seiner Kindheit aufgrund der vielen im Krieg gefallenen Männer hauptsächlich alte Dirigenten erlebt habe. Schon früh habe er den Wunsch, Dirigent zu werden, verspürt. Er war bei den Wiener Sängerknaben. Er lernte Schlagwerk, Fagott und Gesang.

Was glauben Sie, sehr geehrte Leser und Leserinnen, mit wieviel Jahren bekam Herr Simonis seinen ersten Dirigentenstab? -> mit 9 Jahren.

Doch, doch, Sie haben schon richtig gelesen, mit neun Jahren erhielt er in seiner Zeit als Wiener Sängerknabe seinen ersten Dirigentenstab. 17-jährig gründete er sein erstes Kammerorchester.

1981 war er dank der Förderung junger Künstler durch die Bad Reichenhaller Philharmoniker vom damaligen Chefdirigenten Dr. Wilhelm Barth zu einem Gastkonzert eingeladen worden und ist dem Orchester seitdem verbunden geblieben.

Was für ihn das Besondere an diesem Orchester sei, frage ich Herrn Simonis. Er antwortet, dass die Programmgestaltung hier durchdrungen sei sowohl von der Sinfonik, als auch dem Bereich der heiteren Muse. Die zeitgenössische Musik würde in beiden Bereichen mit gleicher Hingabe zur Aufführung gebracht, und mit Freude!

Diese Freude konnte ich selbst bei einem Konzert spüren und ich sehe sie auf jedem Foto, das die Musiker mit ihren Instrumenten an den verschiedenen Bad Reichenhaller Konzert-Orten wie der Konzertrotunde und dem Königlichen Kurhaus zeigt.

Nun zurück zur Frage nach dem Sinn der Namensänderung zum Jubiläumsjahr 2018.

Sie soll den Menschen ins Zentrum stellen. Die Persönlichkeiten der Musiker werden

damit betont, deren Vielfalt darf lebendig werden. Die individuelle Entfaltung des Einzelnen führt zur Entfaltung des Ganzen, es ist eine unendliche gegenseitige Durchdringung.

Doch es geht noch um mehr, nicht nur um die Entfaltung des Orchesters, sondern auch um die Entfaltung des Zuhörers, des Kurgastes und als Kultureller Nahversorger auch um die Entfaltung der ganzen Region Südostbayern und darüber hinaus.

Herr Simonis erzählt, ihm und den Philharmonikern sei es ein großes Anliegen, dem Menschen nahe zu sein, ihm Musik nahe zu bringen und einen Ort zu schaffen, an dem er zur Ruhe kommen kann und zu sich selbst.

Die Bad Reichenhaller Philharmoniker sind Pioniere bei der Förderung junger Solisten und Dirigenten, sie arbeiten seit Jahrzehnten mit den Chören der Region zusammen und leben die Tradition der Schülerkonzerte weiter. Sie unterstützen das heilpädagogische Zentrum in Piding musiktherapeutisch, einige Musiker sind auch Musikpädagogen.

Als Kulturorchester der Region versorgen sie den gesamten südostbayerischen Raum mit sinfonischem Repertoire und betreiben nachhaltige Musikvermittlung.

Sie bieten das ganze Spektrum an, Kammermusik, Philharmoniekonzerte, Opernabende und Operetten, Sinfoniekonzerte mit jungen Solisten, Tanzmusik von Piazzolla und Gershwin, Mozart-Tage, und vieles mehr. Ihr Repertoire umfasst 300 Jahre Musikgeschichte. Besonders wichtig ist ihnen dabei die Bewahrung und Entwicklung der Kurmusik. Die heitere Muse, Märsche, Walzer und Polka dürfen nicht fehlen – und der Strauss, der ist ganz wichtig!

Sie bieten ihre Musik zu leistbaren Preisen an. Kunst sollte für jeden bezahlbar sein, das geht nur mit Unterstützung durch die öffentliche Hand und private Förderer.

Im Gespräch mit Herrn Simonis durfte ich seinen wienerischen Charme, seine Leidenschaft für Musik und das Leben und das Mensch‘ln erleben. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass er sein Ziel, den Menschen das der Musik innewohnende Lebensgefühl erlebbar zu machen, voll und ganz erreicht. Ein Ort, an dem Geist und Seele zur Ruhe kommen, scheint ihm besonders wichtig. Zeit für Ruhe und auch Zeit zu plaudern – ganz der Wiener. Deswegen seien die Pausen zwischen den Musikstücken bei den Kurkonzerten auch so wichtig, was er einmal einer Konzertbesucherin auf ihren Beschwerdebrief über die Pausen zwischen den Musikstücken geantwortet hatte. Zwei Seiten lang nahm er sich Zeit dazu. Auf meine Frage, wo er Erholung finde, antwortet er, ich brauche keine, ich habe ja einen positiven Beruf.

Zum Jubiläumsjahr erwartet den Gast ein wunderbares Jubiläumsprogramm mit dem großen Festakt am 6. Februar im Königlichen Kurhaus, einem Open Air mit Feuerwerk („Der Thumsee brennt!“ am 21. Juli), einer Zauberflötenbearbeitung für Kinder und Jugendliche im Rahmen der Mozart-Tage im März, einem Jubiläumsball am 20. Oktober, um nur einiges aufzuzählen, und das Jubiläums-Buch

mit dem Titel „Klangwolke über Südostbayern 150 Jahre Bad Reichenhaller Philharmoniker – Eine bewegte Orchestergeschichte in Episoden“ und eine CD, die am 6. Februar erscheinen wird.

Viel Freude in Bad Reichenhall wünscht Ihnen C. Engel