Natürliches Leben – natürliches Produkt

Artgerechte Rinderhaltung verbunden mit Landschaftsschutz

“Für mich ist der Hof der Mittelpunkt der Erde”, so beschreibt Josefine Reißaus aus Oberneukirchen den „Reiserer”. Rinder werden seit Generationen am Hof gehalten und gezüchtet.

Als sie den Hof 1990 von den Eltern übergeben bekommen hatte, stand für die „Fini“ fest, dass Rinder immer zum Hof gehören werden. Bis 2010 melkte sie eine kleine Fleckvieh-Milchkuhherde.

Im Jahr 2010 wurde der Betrieb zum Bio-Betrieb umgestellt.

Mit der Umstellung wurden die Wiesen um den Hof mit einem Festzaun ausgestattet und die Tiere, so wie früher üblich, ausgetrieben. Aus den Milchkühen wurden Mutterkühe.

Bauliche Veränderungen waren notwendig, um die artgerechte Haltung und Bestandsaufstockung der Rinder- und Büffelherde zu ermöglichen: so wurde der alte Kuhstall zu einem Tretmiststall umgebaut, ein Teil des nicht mehr benötigten Fahrsilos wurde zum Büffelstall und an den ehemaligen „Stiernstall“ überdachte Aussenliegeboxen angedockt.

Bei meinem Besuch fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, bei uns im Dorf in Hinterwössen, waren ausser in der kalten Jahreszeit, die Kühe immer auf der Weide und jeder Bauernhof hatte einen Misthaufen der ganz normal roch. Heute gibt es einen Bauern mit Massentierhaltung und wenn die Gülle ausgefahren wird, hätte ich gerne eine Atemschutzmaske. Beim Reiserer in Oberneukircher ist es so wie früher, nein, es ist sogar noch besser.

An die 100 Großtiere zählt der Hof, nur die wenigstens sieht der Besucher, denn die Tiere sind verteilt. Sie haben neben dem Wachstum, als Fleischlieferant auch noch andere Aufgaben. Sie sorgen für Nachwuchs seltener Rassen und betreiben zum Teil auch Landschaftspflege.

Schwerpunkt der Zucht ist der Aufbau einer Mutterkuhherde mit Murnau-Werdenfelser Rindern. Diese stark gefährdete Nutztierrasse ist die einzige autochthone (alteingesessene)  Rinderrasse Bayerns.

Das Murnau-Werdenfelser Rind entstammt aus dem Gebiet um Murnau und Garmisch und ist an die dortigen feuchten, teilweise moorigen Grünlandbereiche bestens angepasst.

Überwiegend sind die bei der Familie Reißaus zu bewirtschaftenden Flächen Feuchtgebiete. Mittlerweile haben sich die Josefine und Ihr Mann der Matthias regelrecht in die schönen, stolzen und charakterstarken Tiere verliebt. Die verschiedenen Farbschläge der Rinder von karamel-, kastanien-, rot- und schwarzfarbenen Felltönen ergänzen sich zu einem abwechslungsreichen Gesamtbild der Herde. Für die Zucht wird ein Stier gehalten, der sich zuverlässig um die Damen kümmert.

Die Landschaftspflege oder die Zeit auf der Nieder-Alm

Im Jahr 2013 wurden vom Bund Naturschutz vier Wasserbüffel übernommen. Mittlerweile ist eine kleine Herde mit 13 Büffeln herangewachsen. Die Wasserbüffel sind in vielen Dingen etwas anders als die Hausrinder. Tümpel oder Wasserlöcher werden von ihnen ab einer Temperatur von 20 Grad Celsius mit Vorliebe aufgesucht. Es wird ausgiebig gebadet und steht keine Suhle zur Verfügung wird kurzerhand eine anglegt: mit ihren mächtigen Hörnern reissen sie die Wiesennarbe auf und beginnen sich zu suhlen; beim nächsten Regen füllt sich die Suhle mit Wasser. Die Büffel tragen so wesentlich zu einem Mosaik verschiedener Lebensräumen bei, die für viele vom Aussterben bedrohten Amphibien- oder Vogelarten dringend benötigt werden.

Rund 40 Tiere darunter auch vier Esel, die Landschaftspflege in einer aufgelassenen Kiesgrube mit karger Vegetation betreiben, leben so von April bis Ende September auf großzügigen Flächen und genießen Ihre „Freiheit“. Die eingezäunten Gebiete haben alle ausreichend Wasserstellen, so das es den Tieren an nichts fehlt. Zu den Kunden für die Landschaftspflege zählen neben dem Bund Naturschutz, das Wasserwirtschaftsamt und die Autobahn Direktion Südbayern. Beim Reiserer sagt man übrigens; „die Tiere sind auf der Alm“.

Für die Versorgung der Tiere muss kein Futter zugekauft werden. In der wärmeren Jahreszeit fressen die Tiere im Freien und für den Winter wird das eigene Heu eingefahren – ein ganz natürlicher Kreislauf.

Die Direktvermarktung

Stellen Sie sich vor, Sie genießen ein herzhaft schmeckendes Fleisch frisch vom Grill mit dem Wissen, das Tier hat etwas sehr gesundes und natürliches sein Leben lang gefressen, lebte artgerecht in der freien Natur und hat den Tierarzt nur sehr selten gesehen – dieses Grillsteak schmeckt doch alleine bei dem Gedanken schon besser und das eigene Gewissen trägt keine Trauer.

Bei der Familie Reißaus kommt etwa einmal im Monat der Metzger auf den Hof um ein Tier mit dem Bolzenschussgerät in seiner bekannten Umgebung und ganz ohne Stress zu töten. In seinem Schlachthaus wird das Tier dann in zwei Hälften am Knochen im dry aged Verfahren zur Reife drei Wochen aufgehängt. Danach wird es komplett portioniert und an einem bestimmten Tag am Hof aus dem Kühlwagen an die Kunden verkauft.

Ich glaube natürlicher und besser kann die Produktion nachhaltiger Lebensmittel kaum sein.

Bericht: Jonas Schiff
Fotos: Familie Reißaus