Stephanie Gräfin Bruges von Pfuel

Die diplomierte Forstwirtin, Unternehmerin, Moderatorin, Bürgermeisterin, Kreisrätin und  SOS-Kinderdorfbotschafterin im Interview

An den Adventswochenenden verwandelt sich auch heuer wieder der weitläufige Park von Schloss Tüssling im Landkreis Altötting zum weihnachtlichen Erlebnispark.

Besondere Markenzeichen sind die großen Lichterpyramiden und der riesige Adventskranz um den Schlossbrunnen. Rund 130 Kunsthandwerker und Aussteller bieten freitags bis sonntags ihre Waren in Park, Schlosshof, hinter den Pferdeställen, in den alten Stallgewölben und auf dem Kornboden an. Darüber hinaus erwartet die Besucher ein umfangreiches kulturelles Programm mit Jagdhornkonzerten, Weihnachtsmusik, Puppentheater für jung und alt, Bastelworkshops und Handwerkervorführungen.

Das Schloss mit seinen charakteristischen Zwiebelhauben auf den vier oktogonalen Ecktürmen wurde von 1581 bis 1583 im Auftrag von Johann Veith Graf von Törring im alpenländischen Stil einer Vierflügelanlage mit Arkadenhof erbaut und ist bis heute in Privatbesitz. Mit privaten Mitteln und viel Leidenschaft wurde es in den 1990er Jahren restauriert, so dass es heute als eines der besterhaltenen Renaissance-Schlösser in Bayern gilt.

Es gehört Stephanie Gräfin Bruges von Pfuel, die 1991 das Erbe ihres Vaters Karl Freiherr von Michel antrat. Die diplomierte Forstwirtin, Unternehmerin, Moderatorin, Bürgermeisterin, Kreisrätin und nicht zuletzt SOS-Kinderdorfbotschafterin führt Schloss Tüßling zeitgemäß und professionell ins neue Jahrtausend. Dass man die Tradition eines viele Jahrhunderte alten Monuments bewahren und zugleich erfolgreiches Eventmanagement betreiben kann, sich der  Gemeindepolitik verpflichtet fühlt und dennoch ihren sechs Kindern eine treusorgende Mutter ist, beweist Stephanie von Pfuel schon seit Jahren.

Über ihre „Machereigenschaften“ sprach Chiemgau Land und Leute mit der 56-jährigen „Powerfrau“.


In allen Bereichen, in denen Sie wirken, gibt es Erneuerungen – nicht nur im privaten Bereich wie am Schloss. Auch die Internetseite des Marktes Tüssling wirkt ansprechend und strukturiert. Haben Sie als Bürgermeisterin daran mitgewirkt?

Die haben wir mal vor ein paar Jahren erstellt, und ich finde, die könnte eigentlich besser gemacht werden. Sie hat nicht oberste Priorität in unserer Gemeinde, aber das ist ein Thema, das im nächsten Jahr vielleicht anstehen wird. Da muss der Gemeinderat mitreden.

Im Vergleich zu anderen Web-Auftritten von Gemeinden wirkt sie doch recht modern…

Ich vergleiche ja nie – aber die Seite könnte sicherlich interessanter gestaltet werden. Ich hätte sie gerne moderner, innovativer…

Ist es dieser Wunsch nach modernisieren, erneuern, anders machen, was Sie in all Ihrem Tun antreibt?

(Lachend) Ja, leider…

…warum leider?

Manchmal denke ich, ich bin ein totaler Vollidiot, dass ich ständig irgendwas neu machen möchte. Wobei ich es doch einfacher haben könnte, etwas ruhiger, wenn ich Dinge belasse, wie sie sind. Aber gestern hatte ich meine jährliche Bürgerversammlung und bei der Vorbereitung dazu wurde mir bei Durchsicht der zurückliegenden Versammlungsprotokolle deutlich dass ich in meiner Amtszeit seit 2014 die Gemeinde schon ein bisschen auf den Kopf gestellt habe. Völlig überrascht hat mich gestern der Zweite Bürgermeister, der mir dafür gedankt hat, und dann gab’s einen fast zweiminütigen Applaus von den Bürgern…

…was hat das mit Ihnen gemacht?

… damit hatte ich nicht gerechnet, ich war völlig gerührt und hab’ feuchte Augen bekommen. Denn ich werde ja auch mit Beschwerden konfrontiert, und oftmals bleibt der Eindruck, dass meine Arbeit als Bürgermeisterin nicht wahrgenommen oder als selbstverständlich angesehen wird.

Beeindruckend ist allerdings, dass Sie neben Ihrer politischen Arbeit als Bürgermeisterin und Kreisrätin gleich in mehreren Unternehmensbereichen unterwegs sind: Als studierte Forstwirtin und Eigentümerin leiten Sie die Geschicke der Guts- und Forstverwaltung Schloss Tüssling, Sie sind Restauratorin, Model, Moderatorin einer TV-Einrichtungsserie und schreiben nebenher auch noch Bücher – und: Mutter. Wie schaffen Sie das alles? Was treibt Sie an?

Ich hab’ keine Ahnung – vielleicht habe ich ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Für das Bürgermeisteramt zu kandidieren, kam nicht aus eigenem Antrieb, das stand nicht auf meiner Agenda. Ich war zwar schon länger Gemeinderatsmitglied und auch Zweite Bürgermeisterin, aber das ist was völlig anderes. Meine Parteikollegen hatten mich gedrängt, anzutreten. Und wenn ich mich für etwas entschieden habe versuche ich, das so zu machen, dass ich es auch vertreten kann. Und das ist es…

Weil es auch in Ihrem privaten Bereichen so funktioniert?

Vielleicht auch deshalb. Allerdings war es hier etwas anderes – aber es war ja auch nicht meine freiwillige Entscheidung… Nur, wenn ich was mache, mache ich es richtig – ich bin dann ein Pflichtspießer …

…was ist das?

Das mag vielleicht spießig sein oder altmodisch, aber wenn ich eine Verpflichtung annehme, erfülle ich sie auch 100-prozentig. Mit geht es nicht darum, Ämter anzuhäufen, oder ständig herauszustellen, was ich bin und was ich alles habe – ich mach’s dann.

Haben Sie diese Eigenschaft von den Eltern übernommen oder geerbt?

Das weiß ich nicht – ich glaube, eher nicht. Das liegt sozusagen in meinen Genen…

…also doch geerbt…

…ja, vielleicht doch – aber mein Vater war kein innovativer Unternehmer. Was wohl seiner Zeit geschuldet war, in der er gelebt hat. Natürlich wurden von den Eltern Werte transportiert was Pflichten angeht, Familie oder Tradition, das sicher. (Und lachend) Aber diesen – ich sage mal, blöden Antrieb habe ich wohl eher nicht von ihnen.

Aber die Verpflichtung, für das Schloss zu sorgen?

Das ist nicht nur eine Verpflichtung, es macht mir auch Spaß. Dieses Anwesen, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich vor 25 Jahren geerbt, als eine Ruine, da war alles kaputt. Man konnte nur in wenigen Räumen wohnen, in den meisten gab’s keinen Strom, keine Heizung, die Fenster waren kaputt, die Wände sowieso, wie auch die Dächer und Fassaden. Ich habe relativ schnell mit der Renovierung angefangen, dann immer wieder Pausen eingelegt. Das Schloss ist jetzt durch, aber es gibt im Außenbereich noch Räume, die saniert werden müssten, und zur Zeit gestalte ich den Garten um – also, es gibt immer wieder etwas, was ich mir blöderweise in den Kopf setze – und dann mach ich’s:

Sie müssten doch als Kind für Ihre Eltern unerträglich gewesen sein – weil Sie immer sozusagen gepowert haben?

Nein, ich war als Kind eher ruhig, aber ich habe einfach meine Aufgaben immer durchgezogen, sei es in der Schule, später im Studium – oder jetzt hier.

Haben Sie bei all dem eigentlich noch Zeit, Mutter für Ihre sechs Kinder zu sein?

Na klar, ein Großteil der Kinder ist zwar aus dem Haus, aber ich stehe mit Ihnen im ständigen Kontakt und sie auch untereinander. Sie sind oft hier, oder ich besuche sie. Mein 15-jähriger Sohn ist der letzte, der noch in der Schule ist.

Was haben Sie von Ihren Macher-Eigenschaften auf Ihre Kinder übertragen?

Einiges. Sie sind alle sehr engagiert, haben alle eine gute Ausbildung und zum Teil schon ein Studium abgeschlossen und arbeiten in guten Jobs.

Bei all diesem Engagement und den Verpflichtungen – haben Sie eigentlich noch Zeit für sich selbst? Ihr Tagesablauf dürfte doch recht stressig sein?

(Spontan) Nö – eigentlich nicht. Ich kann sehr effektiv arbeiten, dann gibt’s keine Privatgespräche, und mein Schreibtisch ist immer leer. Am Nachmittag habe ich heute zum Beispiel nichts zu tun. Ich werde mich in den Garten setzen und Zeitung lesen.

Und in solchen Mußestunden kamen Sie dann irgendwann auf die Idee, Joe Cocker, Zucchero und sogar Elton John für Konzerte im Schlossgarten zu engagieren?

Wir hatten schon vor einigen Jahren auf einer kleinen Bühne im Park Veranstaltungen mit kleinen Ensembles gemacht, die sozusagen wie ein Zirkus als „Tingel-Opern“ von Ort zu Ort übers Land zogen. Das war immer ein Riesenaufwand, aber verdient habe ich nichts daran – und gefallen hat’s mir auch nicht. Ich wollte dann einfach was Größeres haben, aber ohne Sponsoren geht da nichts. Zufällig kam ich dann mit dem Vorstandsvorsitzenden der Raiffeisenbank Mühldorf Altötting, Wolfgang Altmüller, ins Gespräch, präsentierte ihm meine Idee, und er war sofort dabei – der Kultursommer war geboren. Anfangs hatten wir rund 4000 Besucher pro Veranstaltung, mittlerweile sind wir bei 8000 angekommen.

Womit Sie Ihr Ziel erreicht haben, etwas Größeres auf die Beine zu stellen. Und die nächsten sind doch sicherlich schon in Planung? Für den Markt, fürs Schloss und für sich selbst?

Seit zwei Jahren veranstalte ich Kunstausstellungen in zuletzt renovierten Räumen des Schlosses. Möglicherweise werde ich im kommenden Jahr dabei mit einer Galerie zusammen arbeiten. Wichtig ist, ich werde nicht noch mehr Großveranstaltungen durchziehen, weil ich den Bürgern nicht noch mehr Belastungen zumuten möchte. Denn übers Jahr kommen insgesamt rund 120.000 Besucher zu den Gartentagen, den Konzerten und zum Weihnachtsmarkt, zu dem allein rund 60.000.

Zur Marktgemeinde: Wir planen derzeit, einen großen Gemüse- und Obstanbaubetrieb hier in Tüssling anzusiedeln mit einem etwa 20 Hektar großen Gewächshaus, etwa 70 feste Arbeitsplätze entstehen. Persönliche Ziele? Ich habe keine, es ergibt sich doch alles. Aber mein Ziel ist es nicht, ne Menge Geld zu verdienen, sondern dass es so weiter geht, wie bisher, und dass es den Menschen Freude macht, hierher zu kommen.

Interview: Ulrich Nathen-Berger