Unerklärbar und unterhaltsam

Jakob Lipp: Mentalist und Gedankenkünstler

Jakob Lipp zählt seit über zehn Jahren zu den bekanntesten und erfolgreichsten Mentalisten und Entertainern im deutschsprachigen Raum. Magisch hört sich an, was zu seinem Alltag gehört: Menschen auf die Spur zu kommen, ihre Gedanken vorwegzunehmen und ihr Handeln zu lenken.

Der 47-Jährige, der in der Nähe von Wasserburg am Inn lebt versteht sich als „Gedankenkünstler“; seine Shows sind eine Symbiose aus Psychologie, Unterhaltung und Achtsamkeit. Niemals entlarvend, voll Respekt im Umgang mit dem Menschen. Da kann es schon mal passieren, dass er weiß, wie das Wort heißt, an das seine Bühnengäste gerade denken, welches Land sie als nächstes gerne mal bereisen möchten oder sogar, welche vierstellige Zahl das Publikum auf ein Blatt Papier schreibt. Mit Charme, Intellekt, Natürlichkeit und Feingefühl stellt der Mentalist und Gedankenkünstler die Welt auf den Kopf.

Vom Künstler-Magazin wurde Lipp zum „Künstler des Jahres 2017“ in der Sparte Mentalmagie gekürt. Dieser Preis gilt als der bedeutendste in der Showbranche.

Der diplomierte Marketing-Kommunikationswirt, Agrartechnologe und Mentalist eröffnet seinem Publikum die faszinierende Welt der Manipulation und bringt Erfahrung aus über 2500 Shows als Profi mit. Neben seiner Tätigkeit als Mentalist hält Lipp als Experte für Körpersprache, Suggestion, Psychologie und Täuschung für Unternehmen auch Impulsvorträge zum Thema „Quer denken” an.

Seine Stärken sind Zuhören und Beobachten, und das macht ihn zu einem guten Partner für Unternehmen mit besonderen Wünschen, sei es für eine Weihnachtsfeier oder auch die Vorstellung eines neuen Produktes. Firmen wie La Roche, Siemens und Daimler AG gehören zu seinen Kunden.

Seine Freizeit verbringt Jakob Lipp am liebsten in den Alpen beim Bergsteigen oder Mountainbiken. Zudem hat er den kleinen, beinahe 100 Jahre alten Bauernhof seiner Eltern in der Nähe von Wasserburg am Inn übernommen: Dort lebt er mit seiner Frau, die auch selbstständig ist, experimentiert mit alten Getreidesorten, bitterstoffarmen Lupinen, mehrjährigen Blühflächen und widmet sich der Imkerei.

In seinen Shows zaubert Lipp keine weiße Kaninchen aus dem Zylinder, Jungfrauen zu zersägen, die danach wieder am Stück erscheinen, ist ihm wesensfremd – dennoch kündigt er seinem Publikum immer wieder Großes an.

„Was genau versprechen Sie Ihrem Publikum?“, wollte Chiemgau Land und Leute von dem charismatischen Entertainer wissen.

Meine aktuelle Bühnenshow steht unter dem Motto „Gedankenexperimente“, das heißt, dass sie nicht auf Fingerfertigkeit aufgebaut ist, sondern aus vielen Vorhersagen. Dabei lehne ich mich sehr oft weit aus dem Fenster, wenn ich zum Beispiel behaupte bereits zu wissen was mein Gegenüber gleich denkt oder tun wird.

Bezeichnen Sie sich aus diesem Grund als „Gedankenküsntler“?

Ja, genau…

Was steckt dahinter?

Ich unterhalte meine Gäste mit den Gedanken meines Gegenübers…

Was heißt das im Klartext? Wie kommen Sie an die Gedanken eines anderen Menschen heran? Es ist doch mehr als kühn zu behaupten, ins Hirn eines anderen Menschen hinein schauen zu können. Oder besitzen Sie übersinnliche Fähigkeiten?

Nein, aber jeder von uns hat die Gabe, andere Menschen zu beobachten – der eine mehr, der andere weniger. Ich habe mittlerweile nach rund 2500 Shows ein Gefühl dafür entwickelt, wen ich für meine Experimente auf die Bühne hole. Im Vorfeld der Veranstaltung schaue ich mich zum Beispiel im Foyer oder im Saal um und suche passende Personen aus. Wichtig ist dabei, sie richtig einzuschätzen und dann spontan zu entscheiden. Es gelingt mir eigentlich regelmäßig.

Was sind dabei die wichtigsten Kriterien?

Die Körpersprache. Ich will nicht den Klassenclown auf der Bühne haben, aber auch nicht den Introvertierten. Beide sind nicht zugänglich. Am liebsten wähle ich den ganz normalen sympathischen Durchschnittsbürger aus. Der findet sich auf der Bühne zunächst in einer leichten Stresssituation wieder. Dadurch kann ich ihn führen.

Das ist das eine – aber wie lassen Sie sich auf diesen fremden Menschen ein?

Es bleibt mir nur wenig Zeit, manchmal sind es nur Sekunden, um mir ein Bild von meinem ausgewählten Mitspieler zu machen.

Welche besonderen Fähigkeiten haben Sie dafür?

Mut und Risikofreude, denn ich stehe auf der Bühne mit dem Risiko, dass mein Experiment nicht funktioniert… Wenn ich nur Dinge mache, bei denen ich weiß, dass sie 100-prozentig klappen, komme ich nicht weiter – auch nicht in meinem Beruf.

Klingt nach 100-prozentigem Widerspruch…

…nein, die meisten Menschen bewegen beruflich oder privat immer nur das, was sie mit großer Sicherheit können, aus Angst, sonst zu versagen. Doch es ist wichtig, die eigene Komfortzone zu verlassen und seinen Horizont zu erweitern.

…deshalb überschreiten Sie auf der Bühne diese Grenzen?

Genau. Nur wer sich im Leben etwas zutraut und auch Grenzen überschreitet kommt vorwärts. Das ist bekannt. Das nutze ich auf der Bühne. Es ist mir wichtig, Gäste nicht auf  Kosten anderer zu unterhalten.

Ein Kurzvideo auf Ihrer Homepage zeigt, wie Sie einer jungen Frau einen weißen Malkarton und Stift übergeben mit der Bitte, sie möge ein Symbol aufzeichnen. Dann drehen Sie sich mit dem Rücken zu ihr, Sie können nicht sehen, was es ist, malen es dann aber nach. Was ist der Trick? Wahrscheinlich Berufsgeheimnis, oder?

Natürlich habe ich die einen oder anderen Kniffe, um eine Chance mehr zu haben. Klar ist auch, dass die in meinem Kopf bleiben (lacht). Mentale Grenzen überschreite ich, wenn ich behaupte, eine Person derart beeinflussen zu können, dass ich so schon vorher weiß, was sie wählen wird.

Ein Beispiel?

Bei einer Golfclub-Gala habe ich eine gläserne Box auf die Bühne gestellt, gefüllt mit 1227 Golftees – das sind Abschlaghilfen, auf die der Ball gelegt wird. Unten in der Box liegt ein zusammengeknüllter Zettel, auf dem ich die Zahl notiert hatte. Aus dem Publikum wähle ich eine Person aus, die geht durch die Gästereihen, fragt vier Zahlen ab und bringt mir die Notiz. Dann holt sie den Zettel aus der Box und vergleicht die Zahlen – und sie stimmen. (Lacht laut auf) Sie sollten jetzt Ihr Gesicht sehen…

…ja mei, ich bin sprachlos…

…so soll’s sein.

Wie manipulieren Sie Ihre Gäste für dieses Ergebnis?

(Lacht wieder) Das ist mein Job. Und sozusagen Berufsgeheimnis.

Wie oft geht das daneben?

(Lachend) Meine Trefferhäufigkeit liegt bei 80 bis 90 Prozent Wenn ich zu oft daneben liegen würde, müsste ich die Show ändern. Ich werde fast jeden Abend vorab gefragt, was ich machen werde, wenn ein Experiment nicht funktioniert. Ganz einfach: Ich baue das in meine Show ein und zeige, was in dem Fall passiert…

…und was machen Sie wirklich, wenn’s daneben geht?

Nichts.

Wie – nichts?

Wenn ich falsch liege, dann ist es halt so. Es gibt keinen Ausweg, keine zweite Chance – ich kann die Situation überspielen. Aber das war’s dann.

Wie geht Ihr Publikum damit um?

In einer Jubiläumsfeier eines großen Pharmaunternehmens in München lag ich bei einem ähnlichen Experiment um einen Zahlwert daneben. Ich hab’ mich geärgert, durfte es nicht zeigen – dennoch: die 340 Gäste standen auf und es gab Standing Ovations für mich…

Ein großer Moment für Sie – oder gab es noch größere?

Oft sind die vermeintlich „kleinen“ die ganz großen: Ich wurde für eine Show vor nur vier – zunächst unbekannten – Personen gebucht. Dann war ich sprachlos: Es waren der frühere Vizekanzler und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, dessen Frau Barbara sowie Journalist und Publizist Guido Knopp mit seiner Frau. Es war so herzlich, so nett, unkompliziert und auf Augenhöhe – das werde ich nie vergessen.

Bericht: U. Nathen-Berger